Dieser Artikel von Nicole Zaremba ist in der Print Ausgabe der "Welt der Spiritualität" - Frühlingsaugabe, Nr. 02/2020 veröffentlicht. Den Link zur Internetseite der Autorin…
Ein Beitrag zur mehr Harmonie zwischen den Geschlechtern
Wir leben in einer Welt der Polaritäten wo komplementäre Gegensätze einander bedingen und ergänzen. Nehmen wir den elektrischen Strom als Beispiel: Ein Stromkreis braucht in der Regel eine Spannungsdifferenz zwischen zwei Polen (Plus und Minus), damit Strom fließen kann. Ohne diese Differenz kann keine nutzbare Energie erzeugt werden. Das ist ein physikalischer Fakt, keine Philosophie.
Noch deutlicher wird das Prinzip bei Mann und Frau: Durch ihre natürliche biologische Verbindung – die Verschmelzung von Spermium und Eizelle – entsteht ein neues menschliches Leben. Und nur so und auf keine andere Art und Weise! Mann und Frau brauchen einander in diesem grundlegenden Sinne, um neues Leben hervorzubringen.
Kein Pol kann ohne seinen Gegenpol existieren oder seine volle Wirkung entfalten. Es gäbe keinen Tag ohne Nacht, kein Licht ohne Schatten, keine Freude ohne die Erfahrung von Leid. Die Existenz und Bedeutung eines Poles ist bedingt durch die Existenz seines komplementären Gegenpols.
So bilden die Gegensätze letztendlich eine Einheit, weil sie sich ergänzen und nur zusammen existieren können.
Deshalb ist es kontraproduktiv, die Geschlechter gegeneinander auszuspielen, wie es heute in manchen gesellschaftlichen Debatten und besonders in den sozialen Medien häufig geschieht. Es zeugt von einer Störung, von einem gestörten Gleichgewicht zwischen zwei Gegenkräfte und dieser Zustand kann für niemanden gesund sein. Im Gegenteil!
Um die Wichtigkeit von Harmonie und Gleichgewicht zwischen zwei gegensätzlichen Polen tiefer zu erläutern, möchte ich in diesem Beitrag an die über 2000 Jahre alte Philosophie von Yin und Yang erinnern…
Die Yin-Yang-Philosophie ist eines der zentralen Konzepte der alten chinesischen Gedankenwelt. Sie beschreibt, wie scheinbar gegensätzliche Kräfte in Wirklichkeit komplementär, miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Statt eines starren Dualismus (Gut gegen Böse) geht es um ein dynamisches Gleichgewicht, in dem alles im Universum in ständiger Veränderung und Harmonie steht.
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Die Wurzeln reichen weit zurück – mindestens bis ins 3. Jahrhundert v. Chr., teilweise sogar früher. Die Begriffe „Yin“ und „Yang“ tauchen zuerst in Naturbeschreibungen auf: „Yin“ stand ursprünglich für die schattige Seite eines Berges oder Tals, „Yang“ für die sonnige Seite. Erste systematische Erwähnungen finden sich im I Ching (Yijing, „Buch der Wandlungen“), einem der ältesten chinesischen Texte, der Orakel und philosophische Einsichten verbindet.
Im Taoismus (Daoismus), der mit Laozi (Lao Tzu) und dem Tao Te Ching verbunden wird, wurde die Idee stark ausgebaut. Hier sind Yin und Yang Ausdruck des Tao – des „Wegs“ oder der grundlegenden Ordnung des Universums. Sie entstehen aus einer ursprünglichen Einheit (oft als Qi oder Ur-Energie verstanden) und spalten sich in gegensätzliche, aber ergänzende Kräfte.
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Yin ist nicht schlecht und Yang nicht automatisch besser. Beide sind gleichwertig und notwendig. Ohne das eine kann das andere nicht existieren – wie Tag ohne Nacht oder Einatmen ohne Ausatmen.
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Die Verbindung von Yin-Yang zur taoistischen Philosophie ist nicht nur eng – sie ist grundlegend! Yin und Yang sind die konkrete Art und Weise, wie das Tao (der Dao, der „Weg“) sich im Universum manifestiert. Ohne sie gäbe es keine taoistische Kosmologie, keine Ethik und keine Lebensweisheit. Der Taoismus sieht das Tao als die unsagbare, einheitliche Urquelle allen Seins – und Yin-Yang als die erste Spaltung dieser Einheit in polare, aber komplementäre Kräfte.
Das zentrale Textzeugnis findet sich im Tao Te Ching (Daodejing) von Laozi und zwar nur an einer einzigen Stelle wird Yin und Yang namentlich genannt. Dennoch ist diese Stelle der Dreh- und Angelpunkt der gesamten Lehre:
„Das Tao gebiert das Eine.
Das Eine gebiert das Zwei.
Das Zwei gebiert das Drei.
Das Drei gebiert die zehntausend Dinge (alles Seiende).
Alle Dinge tragen das Yin auf dem Rücken und umarmen das Yang.
Durch die Vermischung ihrer Lebensenergie (Qi/Ch’i) erreichen sie Harmonie.“
Das bedeutet: Das gesamte Universum – von den Sternen bis zum menschlichen Atem – ist nichts anderes als das dynamische Zusammenspiel von Yin und Yang. Sie sind nie getrennt, sondern immer miteinander verschränkt. Deshalb heißt es: „Alle Dinge tragen Yin und umarmen Yang“.
Im zweiten großen Klassiker des Taoismus, dem Zhuangzi (Chuang Tzu), wird das Prinzip noch lebendiger und naturnaher beschrieben. Dort heißt es sinngemäß:
„Yin in seiner höchsten Form ist Gefrieren, Yang in seiner höchsten Form ist Kochen. Die Wechselwirkung der beiden erzeugt Harmonie (He), und daraus entstehen alle Dinge.“
Im Taoismus ist Yin-Yang also kein separates Konzept neben dem Tao – es ist die Art, wie das Tao sich ausdrückt! Das Tao ist die Quelle, Yin-Yang ist die Bewegung, und die Harmonie ist das Ziel! Wer das verstanden hat, lebt nicht mehr in starren Gegensätzen, sondern in fließender Einheit.
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Dieser Artikel von Nicole Zaremba ist in der Print Ausgabe der "Welt der Spiritualität" - Frühlingsaugabe, Nr. 02/2020 veröffentlicht. Den Link zur Internetseite der Autorin…
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